Empfehlungen

Cover what you do best. Link to the rest” heißt eine der wichtigsten Internet-Regeln. Ich habe Kairo im Februar für ein Auslandssemester in Beirut verlassen. Meine Vor-Ort-Funktion in Ägypten („cover what you do best“) ist also leider zu Ende.

Zum Abschluß habe ich dafür („link to the rest“) noch ein paar wertvolle Links zur politischen Lage in Kairo zusammengetragen. Anbei findet ihr 5 interessante Blogs, die ich im Laufe der letzten Monate entdeckt habe. Dazu 5 Twitter-Feeds, die einen Klick wert sind. Allesamt persönliche Quellen, die über die Mainstream-Berichterstattung hinausgehen. Außerdem: 5 Artikel zu Ägypten und den arabischen Revolutionen, die man gelesen haben sollte.

Es lohnt sich übrigens, an Ägypten dran zu bleiben. Die Zukunft dort wird mit entscheiden, wohin die arabische Welt wandert. Und 2012 wird ein Weichensteller-Jahr für Ägypten. Viel Spaß beim Erkunden!

5 Blogs:
- Inanities
- Egyptian Chronicles
- Transit (deutsch)
- The angry Egyptian
- Pedram Shahyar (deutsch)

5 Twitter-Accounts:
- Shadi Hamid
- Moises Saman
- Karim El-Gawhary (deutsch)
- Sharif Kouddous
- ThatSalafi

5 Artikel:
- Völker im Aufruhr (Jürgen Todenhöfer, SZ-Magazin)
- Lieber Westen… (Laila Soliman, Transit-Blog)
The problem with Egypt’s Muslim Brotherhood.. (Sara Khorshid, The Guardian)
- Egypt’s media must undergo its own revolution (Austin Mackell, The Guardian) 
What really ruined Egypt’s economy.. (Amira Salah-Ahmed, Daily News Egypt)

Zum Schluss noch ein großes Dankeschön für die Rückmeldungen auf diesen Blog! Das Schreiben hat mir großen Spaß gemacht.

Artikel & Aufruf

Letztes Wochenende ist ein Artikel ueber mich und diesen Blog in mehreren (bayerischen) Zeitungen erschienen. Man kann ihn hier noch einmal lesen.

Außerdem noch eine aktuelle Nachricht für Leser aus Kairo: Es geht um die Festnahme, über die ich berichtet habe. Herr Fati, unser ehemaliger Vermieter, hat während der Verhaftung die Schlösser der Wohnung austauschen lassen. Miete und Kaution hat er einbehalten. Mein Freund Austin hat jetzt weder Geld noch Bleibe. Wer von euch helfen kann, den/die bitte ich mich oder Austin direkt zu kontaktieren. Vielen Dank!

Auf freiem Fuß



Meine Freunde Austin und Aliya sind seit gestern Abend wieder auf freiem Fuß. Austin hat heute in einem Interview dem Sender ABC Details zu dem Vorfall geschildert. Für alle Verhafteten gilt momentan noch ein Ausreiseverbot, außerdem wurde Austins Pass, Computer und Kamera beschlagnahmt.

In einem weiteren Interview äußert sich Austin auch zu den Verhörmethoden der ägyptischen Polizei. Er bestätigt die Foltervorwürfe, die auch Aktivisten immer wieder erheben: 

“From the way I was treated as opposed to the people I could hear being tortured in the room next to me, one thing was clear: that as a foreigner my rights and the safety of my person is still more valued by the authorities than that of an Egyptian citizen.”


Ich selbst hatte nur kurzen Kontakt zu Aliya und Austin. Was genau sie während der Festnahme erlebt haben, werden die beiden aber auch auf ihren Blogs veröffentlichen – die Links habe ich unten angefügt. Beide Blogs sind nicht nur im Zusammenhang mit der Verhaftung spannend, sondern auch eine tolle Quelle für Vor-Ort Infos aus Ägypten.

Austin: http://austingmackell.wordpress.com/
Aliya:   http://beingarabbeforeitwascool.wordpress.com/

Ergänzung: Interessant ist übrigens, wie der Spiegel das Thema aufgegriffen hat. In einem Artikel, der die Verhaftung erwähnt, wird Aliya als amerikanische Studentin vorgestellt (sie ist weder Studentin noch Amerikanerin). Es ist von einem Reiseführer die Rede, der gar nicht existiert. Als Quelle für die falschen Infos, die (in ihrer richtigen Version) im Internet allgemein zugänglich waren, verweist die Redaktion dreist auf “Sicherheitskreise”.

Free Austin, Free Aliya



Vor Schreck hätte es mich fast von der Plastikmatraze geworfen, auf der ich hier in einem Beiruter Hostel hause: Austin, mein Mitbewohner aus Kairo, ist seit Samstagnacht in Polizeigewahrsam. Er wurde zusammen mit Aliya – ebenfalls eine gute Freundin – in Mahalla, einer Stadt im Nordosten Ägyptens, festgenommen.

Der Verhaftungsgrund? Bestechung und Anstiftung zum Protest. Austin, Aliya und ein amerikanischer Student waren gemeinsam in Mahalla, um über die landesweiten Streiks zum Jahrestag von Hosni Mubaraks Rücktritt zu berichten. In der Stadt wurde das Auto der Gruppe mit Steinen beworfen, zum Schutz wurden sie auf eine Polizeiwache gebracht. Was wie eine Sicherheitsmaßnahme aussah, wurde dann plötzlich zur Festnahme: Die drei wurden beschuldigt, Demonstranten mit Geld bestochen zu haben. „Wir sollen zu Unruhen und Gewalt angestiftet haben“ schreibt Aliya über Twitter. Nach einer Weile waren dann sogar “Zeugen” vor Ort, die bestätigten, dass die Gruppe „mehreren Jugendlichen Geld angeboten hat um zu randalieren und Chaos zu verursachen.“

Der Gehalt der Vorwürfe liegt zu hoher Wahrscheinlichkeit bei null. Dass Austin oder Aliya Demonstranten bestochen haben, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen – die ganze Anklage klingt ziemlich absurd. Vielmehr lässt sich ein Kalkül beobachten, dass mit der Furcht vieler Ägypter vor einer “Verschwörung aus dem Ausland” spielt. 

Gerade in der letzten Zeit sehen sich auslaendische Journalisten und Organisationen in Aegypten immer größeren Repressalien ausgesetzt. Im Januar wurde die Konrad-Adenauer-Stiftung in Kairo gestürmt, kurz darauf mussten gleich mehrere amerikanische Stiftungen das Land verlassen. Die Botschaft hinter der Anklagen ist immer die gleiche: Fremde Kräfte verschwören sich gegen Ägypten – der Feind kommt von außen, nicht von innen. Die momentane Häufung der Vorfälle ist kein Zufall. Aegyptens Militärfuehrung hat nach den Fußballunruhen grosses Interesse daran, sich selbst aus dem Schußfeld unbeliebter Verschwoerungstheorien zu hieven.

Fast bemerkenswerter als die Festnahme selbst war für mich die Reaktion darauf – in Ägypten und weltweit: Durch Aliyas Twitter-Nachrichten war die Festnahme sofort publik; so schnell ist kein Polizeibericht. Über Nacht wurden eine Online-Petition und eine Twitter-Kampagne (#freeaustin #freealiya) ins Leben gerufen, um auf die Festnahme aufmerksam zu machen. Innerhalb von Stunden war die Welt informiert – ägyptische und australische Zeitungen berichteten, sogar bei Aljazeera wurde auf die Verhaftung hingewiesen. Eine Vorfall, der vor zwei oder drei Jahren so nicht denkbar gewesen wäre.

Wenn man der letzten Statusnachricht Aliyas Glauben schenkt, könnten Austin und Aliyaa schon bald wieder frei sein. Das ist aber alles andere als sicher – die Nachricht ist einen halben Tag alt, und passiert ist seitdem leider nichts. Es bleibt zu hoffen, dass sie bald frei kommen.

Update: Austin, Aliya und der festgenommene Student sind seit Montag Abend wieder auf freiem Fuß.

Wer Austin und Aliya unterstützen möchte, kann sich an der Online-Petition beteiligen!

Can Revolution (2011)


Graffiti in Zamalek, a neighborhood in central Cairo. 

[Note: Since I left Egypt on Thursday, I do not write about the current clashes in Cairo. However, latest information can be found on my twitter feed.]      

No one knows what General Mansour Essawy thought when a cheering crowd of people sprayed red paint on his workplace’s door. But Essawy, Egypt’s Minister of Interior at the time, probably knew who’s face the protesters varnished on his ministry’s outside: It was that of Khaled Said, symbol of the Egyptian Revolution in early 2011. A year after his death, the protesters wanted to remind of the brutal assault on the 28-year-old blogger.    
 
In June 2010, Khaled was pulled out of an Internet Café by policemen and brutally beaten to death. When the case became public, people all over Egypt outraged. Protest marches on Cairo’s Tahrir square were packed with banners and posters of the murdered blogger. On street walls, his face was painted with graffiti stencils.           

While famous in Egypt, Khaled was not present in faraway Germany. This changed in September 2011: Graffiti artist Andreas von Chrzanowski painted the blogger’s portrait on the legendary Berlin Wall. The 2.5 meter high mural shows an impressively real picture of Khaled, the same used at protests. Chrzanowski painted the wall piece when Khaled’s sister Zahraa Said visited Germany. She accepted the Human Rights Award of Friedrich Ebert Foundation for her brother, who was awarded posthumously with the prize. “Khaled would be happy if he was with us today” Zahraa announced at the award celebration in Berlin when seeing the artwork. “They broke down the Berlin Wall for freedom. Kahled got killed for the same reason.”  

Chrzanowski, better known by his graffiti nickname CASE, is one of the most famous graffiti artists worldwide. Why did he paint Khaled Said? “This young man got killed for no reason. His family and friends have been humiliated” Chrzanowski told GAT Magazine. “I wanted to give them a part of their dignity back.” The 32-year-old has a special relation to the Berlin Wall himself: he grew up “behind the wall”, in the former socialist part of Germany. When the system broke down in 1989, Chrzanowski was a ten year-old kid. Five years later, he started to spray with cans on walls.      
CASE is a prime example of Germany’s vivacious graffiti culture. Spread from the US in the 1980s, graffiti soon became popular among young Germans. By the 1990s, walls and train wagons all over the country were painted with tags and colorful murals. Most “pieces” were illegal and artists faced high fines when caught. Within the last decade, graffiti has made its way into art galleries. Cities like Berlin and Hamburg now offer legal places to spray. Artists such as CASE have made their passion a profession – they work for exhibitions, festivals and private clients.  

While huge in the Western World, graffiti history in the Arab region just started: Along with media services such as twitter and Facebook, graffiti turned out as the main protest medium during the spring revolutions. Ben Ali dégage! (back off, Ben Ali!) was sprayed on walls all over the Tunisia’s capital Tunis when protesters urged their President to step down. In Egypt, the face of ruler Hosni Mubarak was stencil-sprayed with the message Leave!. And protesters in Syria recently published a stencil showing President Assad with a Hitler moustache. Aside, the Arab revolution’s most popular claim was sprayed: The people want the downfall of the regime.      
Compared to its western-style companion, Arab graffiti has one difference: It is much more content-focused. While murals in Germany or the US tend to be complex and colorful, most Arab graffiti relates to a message. It condemns regimes, reminds of dead revolutionaries or claims political slogans. “Graffiti is as American as apple pie, but much easier to export” writes Blake Gopnik, Foreign Policy editor, in the magazine’s November issue. His claim: Graffiti has emerged as a “visual lingua franca of political speak”. R
eferring to the Egyptian Revolution, Arab culture magazine Kalimat concludes: “January 25 opened a floodgate of repressed expression. Graffiti has the power to change things, or at the very least offer an alternative opinion and open a path to discussion.”   

In October, five weeks after Zahraa Said visited Berlin, artist CASE got the opportunity to bring his rendition to Khaled’s hometown. Along with his crew Ma’claim he took part at the project “Graffiti: Style, History, Experience” in Alexandria, organized by Goethe Institute. Along with local artist Aya Tarek, the graffiti crew transformed the walls of Alexandria’s theatre into a colorful piece of art.   

After the event, CASE decided to go to Cairo for another, more personal mission: Salam (Peace) declares a huge self-portrait drawn just opposite the Ministry of Interior – the place where protesters gathered for Khaled Said three months ago. “Growing up in Eastern Germany, I learned to appreciate freedom. I want to pass that message on to the Egyptian people”, Chrzanowski states. Initially, CASE wanted to paint Khaled’s face once again. But after conversations with local artists, he decided to do something different. “I wanted to avoid the overproduction of Khaled’s face”, he says.                   

In Cairo, graffiti culture went on after the revolution. More than a year after his death, most Khaled stencils in downtown are gone. New “martyrs” are varnished on Metro stations, storefronts and walls. Like Mina Daniel, who died at the October 9th protests at Maspiro, Cairo’s Television Station. Or 24-year-old Essam Atta, who passed away after being tortured in prison.           

Khaled’s court case ended in October 2011. An Alexandria court announced a seven year jail sentence for the two convicted policemen held responsible for Khaled’s death. Democracy activists and Human Right Organizations condemned the low sentence. Khaled’s family tries to appeal the decision.          

If appealing the court’s decision will be successful remains uncertain. Even less is known about Egypt’s future. But the story of Khaled Said will not be forgotten. Street graffiti and history books will retell his story.     

The article was published in the November/December issue of German-Arab Trade (GAT) Magazine.


Geburtstag


Auf einem Tahrir-Plakat: Hosni Mubarak (links) und Mohammed Tantawi.

Die Revolution hat heute ihren Geburtstag gefeiert. Ich habe keine Kirsch- oder Schokotorten gesehen, und für einen Geburtstag war die Stimmung vergleichsweise mies. Aber die ägyptische Revolution war schließlich eine schwere Geburt – und gemessen an den Rückschlägen, die sie ertragen musste, war heute ein glücklicher Tag für Ägypten.


Über eine Million Menschen waren heute auf dem Tahrir, Aktivisten sprechen von der größten Demonstration in der Geschichte des Landes. Selbst die Zugangsstraßen waren voll mit Menschen, das Funknetz brach stellenweise zusammen. Und trotz des Andrangs blieb es ein friedlicher Geburtstag – keine Molotows, kein Tränengas, und die Pflastersteine blieben im Pflaster. Die politische Führung beschränkte sich auf dezente Botschaften. Etwa ein Lichtspiel am Außenministerium, unweit vom Tahrir.

Ich war heute Morgen schon vor Sonnenaufgang auf dem Platz. um die Stimmung vor dem Morgengebet einzufangen. Bereits um fünf Uhr war es dort voll mit Demonstranten. Viele Menschen haben trotz der Januarkälte im Freien übernachtet, oft nur mit ein oder zwei Decken.

Das Bild dieses Morgens war ein schönes: Desto heller der Platz wurde, desto lebhafter wurde er. Immer mehr Demonstranten strömten von außen auf den Platz, die Menschen in den Schlaflagern wurden langsam wach. Bald wurde es laut, und schnell war der Tahrir eine einzige Riesendebatte – über die Wahlen, das Militär, Gott und die Welt. Ich habe wütende Diskussionen gehört. Es wurde nicht nur diskutiert, sondern auch gebrüllt, gezankt und gestritten. Aber wenn Demokratie Debatte bedeutet, war dieser Tahrir-Morgen ein mächtiges Beispiel dafür, wie lebendig und frisch Demokratie sein kann.

„Das ist keine Eintags-Revolutions- Fliege“, hat der deutsch-ägyptische Journalist Karim El-Gawhary heute unter dem Eindruck der Geschehnisse geschrieben. Er glaubt, dass die Demonstrationen weiter anhalten. Wie lange die Proteste andauern, ist wichtig. Am öffentlichen Druck entscheidet sich, wie rigide der Militärrat weiter regiert.

„How can we lose hope in the revolution after a day like this?”, hat der Aktivist Mosa’ab Eshamy über Twitter verlauten lassen. Er ist wie viele Aktivisten froh über die Unterstützung, die in dieser Masse kaum jemand erwartet hatte. Der Tahrir hat heute eine Botschaft gesendet: Solange Ägypter für ihre Rechte auf die Straße gehen, so lange ist ein gesundes Ägypten möglich. Es war ein schöner Geburtstag. 

Die Spannung steigt


Pressekonferenz am Sonntag in Kairo.

Kairo wartet gespannt auf den 25. Januar, den ersten Jahrestag der ägyptischen Revolution. „Jan 25“ ist der wichtigste Aktionstag überhaupt, schon seit Monaten mobilisieren Protestgruppen im ganzen Land dafür. Der Tahrir-Platz wird n
ächste Woche wieder zum Protestplatz.

Gestern war ich – eher durch Zufall – auf einer Pressekonferenz in der Innenstadt. Mehrere Aktivisten und ein bekannter Publizist haben sich dort in einer spärlich eingerichteten Lagerhalle zur aktuellen Lage geäußert. Was ich gehört habe, war stellenweise sehr düster: „An der Militärmacht wird sich in den nächsten Jahren nicht viel ändern. Sie sind momentan unantastbar“, hat der Aktivist und Zeitungsinhaber Hisham Kassem erklärt. Nicht alle Aktivisten sahen das so, aber klar wurde trotzdem: Der schrankenlose Optimismus von 2011 ist schon lange weg. Einige Sprecher gaben sich hoffnungsvoll, aber der Ton blieb nüchtern – von Vorfreude auf eine lustige Jubiläumsfeier war hier keine Spur.
 
In der letzten Woche sind zwei wichtige Sachen in Ägypten passiert: Erstens sind die Parlamentswahlen so langsam ausgezählt. Die gemäßigt-islamistischen Muslimbrüder haben fast die Hälfte (!) der Stimmen bekommen. Und auch die radikalen Salafisten sind noch etwas stärker geworden als erwartet (ca. 25% der Sitze).

Zweitens hat Mohammed El-Baradei, Nobelpreisträger und Hoffnungsträger des Westens, überraschend seine Präsidentschaftskandidatur zurückgezogen. Sein Schritt ist ein Protest gegen den Militärrat SCAF. „Ich kann es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, als Präsident für ein undemokratisches System zu kandidieren“, so zitiert ihn heute die Daily News Egypt. Die Präsidentschaftswahlen sind wichtig, weil der gewählte Präsident sehr mächtig sein wird – um einiges staerker als ein Bundeskanzler, eher wie der US-Pr
äsident.

El Baradei war im eigenen Land aber nicht so beliebt wie im Ausland. Auch für viele Ägypter die ich selbst getroffen habe, gilt er als zu abgehoben. „Wir hatten mehr erwartet“, hat ein Aktivist auf der Konferenz erzählt. „Zum Beispiel hat er seine Kandidatur von seinem Wohnsitz in Österreich, nicht aus Ägypten erklärt. Das ist nicht die ägyptische Art.“

Was wird nun am 25. Januar passieren? Vielleicht kommen einige Zehntausend auf den Tahrir-Platz, vielleicht eine Million. Sicher weiß das niemand, auch auf der Pressekonferenz waren die Details unklar. „Wie Sie wissen, werden die Vorbereitungen für den 25. Januar erst am 24. Januar getroffen“, hat ein Aktivist auf die Frage nach einer geplanten Agenda geantwortet.

Aktuelle Stimmen zu #Jan25 auf Twitter.

Can Egypt Afford Revolution?



Today, a special year ends. 2011 will write history as a never-known period of worldwide uprise. From the Arab world in spring to Europe in summer, to Wall Street in fall and to Russia in winter. Everything is connected now. Optimism for change, long presumed dead, is back on the rise.

However in Egypt – a major country of the uprisings and role model for further protests – optimism is not shared by everyone. “Protests make us weak and poor,” is what an Egyptian friend of mine told me recently, when asked about the Tahrir Square demonstrations. And showing my family around in Egypt this week, I saw what he meant: We found the famous Giza Pyramids to be almost empty, with more merchants than tourists around. It is high season and Egypt’s tourism is dead. And this just one sector of Egypt’s economy that experiences a historic low.

So critics like my Egyptian friend say: Protests won’t solve our problems – they will make them worse. Protests, they say, threaten our security and hit the economy in particular. After revolution, we will be broke. We end up worse than before. Egypt, they say, can’t afford Revolution.

Protest is Risky

There is something convincing about this critics, I confess. Obviously, economies get vulnerable when systems are overthrown or hit. The rise of the Nazi Regime was in big parts a result of Germany’s recession in the early 1930’s. A 1:1 analogy would be exaggerated, but there are similarities: People are unemployed, and many of them poor. Political parties do not have convincing answers but extremist movements claim to have. This could go wrong without a stable, constitution-defending institution – that is what Egypt’s Military Council (SCAF) claims to be.

So will further protests, that may eventually overthrow the SCAF, cause recession and chaos in Egypt? And then another evil, even worse dictatorship than in Mubarak times? Iranian conditions? Counter-revolution? No one knows, since nothing is for sure these days. However, one thing is sure to me: Protest against the current “transitional” system is the only measure to prevent such a threat. Here is why:

No Protest: Another Dictatorship

First, consider the alternative to protesting, which would be: No protest. Ending protest also means the start of another quasi-dictatorship – we could see that in the last months. Parliament and government do not have a say, and the SCAF tries to keep them weak in the future. They defend their privileges in the constitution. So even if the military may steps down after Egypt’s presidential elections, they will still pull the strips.

And the military rule does not just oppress people, it also is an economic risk. Countries led by SCAF-like elites suffer from corruption and the arbitrariness of their decisions. Even if the economy would go well, most people would not have their share of the wealth. If the “trickle-down-effect” ever worked, than certainly the least in autocratic elite systems like Egypt, where the ruling military is a state within the state. Dictatorships may pay out for the country’s one-percenters, or for (foreign) companies investing in low wages. But certainly not for the overall economy.

Democracy Pays Out

So what pays out then? Democracy does, I believe. What could be better for an economy than a legitimate government that encourages every citizen (if minority or not) to use his/her potential not just as a member of society, but also in terms of business? What is healthier for a system than elections that push failing governments out of power? Democracy is neither easy nor fun, but it pays out.

However, since the military will not give up its oppressing privileges, pressure for democracy has to come from the people. Trickle-up. Democracy, in Egypt’s case, can only be established by protest. Revolution may screws the balance sheets of banks, companies or tourist guides for a while. But resistance is the least cost compared to economic and social oppression that Egyptians would face otherwise.

Revolution is Tough, But the Only Way

So yes: Revolution is dangerous, threatening and economy-weakening for now. The Giza Pyramids may stay empty for another while. Not good for the Pyramid merchants, not good for many Egyptians. But for now, it is the only way for sustainable stability in the country. Critics using the economic downfall as a killer phrase are dead wrong. Their shortsightedness is even dangerous: They promote an oppressing system for the sake of a seemingly well-running economy.

The fall of the Berlin Wall was not cheap for Germany. Even worst estimates at the time had to be doubled and tripled in the end. If Germans would have known the real costs in 1989, some would have probably opposed an immediate reunification. But looking back now, Germany did not regret the step at all – not even economically, in the end.

So can Egypt afford revolution? It must afford revolution, I believe – anything else is not an option. Let Egypt shake, for the better. Happy New Year.

Liked or hated the article? I would love to hear some thoughts. I could not manage to put a comment section in here, but you can comment the article on my facebook page. And you can email me. Please note however that I am not writing as an expert on Middle East affairs or Egyptian politics whatsoever. The comment is result of my thoughts on Egypt as a German student of politics, staying in Cairo since early October.

 

Die Hoffnung ist weg


Eine Szene der Straßenkämpfe am Samstag in Kairo. 

Kairo sieht wieder aus wie in einem Kriegsfilm – zumindest südlich vom Tahrir-Platz, wo sich Demonstranten und Armee seit Freitag Straßenschlachten geliefert haben. Mindestens 12 Tote wurden gemeldet, über 100 Demonstranten hat die Armee verhaftet.

Entwickelt hat sich der Kampf aus einem Sitzstreik vor dem Parlament, den die Armee auflösen wollte. Bald flogen Molotow-Cocktails von beiden Seiten, wenig später brach Chaos aus. Ein Bibliotheksgebäude der American University of Cairo (AUC)
stand in Flammen, daneben lieferten sich Demonstranten und Armee ein Gefecht nach dem anderen.  

Die Militärpolizei hat dann versucht, den Tahrir-Platz zu räumen. Die Soldaten haben Zelte abgerissen, niedergebrannt und Demonstranten verhaftet. Die Jagdszenen, die bei der Räumung entstanden, sind erschreckend brutal. Das obige Foto vom Samstag wurde zum traurigen Symbol dieser Tage: Eine Frau, die halbnackt am Boden liegt, wird von mehreren Soldaten in der Bauch getreten. Auf einer Pressekonferenz am Montag hat der Militärrat die Tat eingestanden, bat aber darum, „die Umstände zu berücksichtigen“. Außerdem gebe es eine Medienkampagne gegen das Militär.

„Ich will mir die Bilder vom Wochenende gar nicht anschauen“, hat mir Ashraf, ein befreundeter Journalist aus Kairo, gestern erzählt. Er wirkt wie viele Ägypter sehr niedergeschlagen von den Ereignissen. Zu müde, um sich noch aufzuregen. Und die Hoffnung, dass friedlicher Protest funktioniert, wird von jeder Tahrir-Schlacht ein Stück mehr aufgefressen. „Ich überlege manchmal, ob eine französische Revolution nicht die bessere Lösung gewesen wäre“, hat mir Ashraf noch erzählt. Der Optimismus ist weg. Kein gutes Ende für ein Jahr, das so hoffnungsvoll begonnen hat.  

Ein Video der brutalen „Jagdszenen“ vom Wochenende kann man hier sehen. Das Titelfoto stammt vom Aljazeera Liveblog. 

Staatsbesuch - Philipp Rösler in Kairo



Am Donnerstag und Freitag war ein deutscher Großbesuch in Ägypten: Philipp Rösler, Wirtschaftsminister und Vizekanzler, war mit einer Delegation deutscher Geschäftsleute in Kairo. Offizieller Anlass für seinen Besuch war das Jubiläum der Deutsch-Arabischen Handelskammer, in der ich als Praktikant arbeite. Ich hatte deswegen das Glück, ein bisschen hinter die Kulissen des Besuchs zu schauen.


Der Minister war natürlich nicht nur für ein Bier auf der Jubiläumsfeier. Jetzt, in der Übergangszeit nach der Revolution, werden die wichtigen Zukunftsweichen für Ägypten gestellt. Das Wirtschaftssystem, 
die Beziehung zu Israel, vielleicht sogar das Bankensystem (islamisch?) – vieles wird ja bald neu verhandelt. Da lohnt es sich für Politiker, persönlich vorbei zu schauen. 

Rösler hat in Kairo vor allem für den Handel mit Deutschland geworben. Aber auch konkret für eine möglichst freie Marktwirtschaft. Bei einem großen Galadinner, der Hauptveranstaltung von Röslers Besuch, wurden zwar auch leidenschaftliche Plädoyers für Demokratie, Menschenrechte und die Tahrir-Bewegung gehalten. Man hätte fast meinen können, der ein oder andere Firmen- und Verbandschef hätte persönlich auf dem Tahrir gekämpft.

Wie wichtig diese Plädoyers aber unterm Strich sind, ist - zumindest mir - unklar. Das Unrecht der Mubarak-Ära war der deutschen Regierung und Wirtschaft zumindest relativ egal. Dass Ägypten nach wie vor quasi-diktatorisch regiert wird, war bei der Jubiläumsfeier mit dem Minister auch kein Thema. Alles schon Geschichte, hatte man das Gefühl.  

Etwas kritischer war zumindest 
der Freitag: Rösler hat mit sechs Unternehmerinnen aus Ägypten auf einem Podiumsgespräch diskutiert. „Ich fühle mich bedroht“, hat eine der Frauen auf Röslers Frage nach dem Wahlsieg der Islamisten geantwortet. Die Mehrheit der Damen war aber optimistisch. Amüsant war, dass Rösler mit einer 30-köpfigen Wirtschaftsdelegation zum Treffen kam, die - bis auf eine Frau - nur aus Männern bestand. Beim Thema „Frauen in der Wirtschaft“ wurde es dann verdächtig leise. “The men are very shy today”, hat Rösler dann noch gesagt, also es etwas zu still wurde.

Im Nachhinein fand ich vor allem die Details des Staatsbesuchs interessant. Etwa abgetrennte Räume für VIPs, für den Small-Talk vor einer Veranstaltung. Oder die detailliert abgesprochenen Sitzordnungen (wer darf beim Minister sitzen?). Vor allem aber die Rede des Wirtschaftsministers, die schon eine Woche zuvor geschrieben war – inklusive „spontaner“ Wortspiele und Anekdoten.

Den Spiegel-Online Artikel dazu findet man hier. Für mehr Informationen zur Deregulierungs-Strategie deutscher Unternehmen und der BRD in Ägypten kann ich folgenden Artikel von 
Jörg Kronauer empfehlen. (Allerdings mit deutlichem Hinweis auf die nicht ganz neutrale Quelle)